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Einführung in die Ausstellung

„Kleider machen Leute – Tracht und Mode um 1900“

 

Liebe Besucherinnen und Besucher, liebe Museumsmitarbeiterinnen und –mitarbeiter

Lassen Sie mich mit einem kurzen Gedichtvers vom Artländer Trachtenfest von 1905 beginnen. Damals dichtete Wilhelm Bönker aus Schandorf über die Artländer Tracht:

„Obgleich nicht mehr modern,

Die Liese hüllet gern,

Den Schmucken Leib in Altkostüme ein

Von den Kostümen hört man, daß sie fein

Denn ein Artländer will ein Artländer sein!“

Welche Kleidung war nun um 1905 im Artland modern? Was trug die im Gedicht zitierte Liese, wenn sie sich nicht in Altkostümen, das heißt in der Artländer Tracht auf dem Trachtenfest präsentierte. Und wie sah die vor 100 Jahren so groß gefeierte Artländer Tracht aus?

Diesen Fragen geht das Stadtmuseum Quakenbrück anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des legendären Artländer Trachtenfestes auf den Höfen Elting und Roesmann in Vehs nach. In einer umfangreichen Ausstellung präsentiert es ab heute seine Bestände zu Mode, Tracht, Schneiderhandwerk und Handarbeit um 1900.

Dabei möchte die Ausstellung keineswegs in Konkurrenz zu den umfangreichen Aktivitäten anlässlich des Trachtenfestjubiläums in Badbergen stehen. Vielmehr soll die Ausstellung eine Ergänzung sein, die bewusst einen großen Schwerpunkt auf die tatsächlich um 1900 im Artland getragene Kleidung legt. So erhalten Sie nicht nur einen Eindruck davon, welche Faszination das Artländer Trachtenfest vor 100 Jahren ausübte. Vielmehr erleben Sie auch, wie die Menschen im Artland sich um 1905 kleideten, wo sie ihre Kleidung anfertigen ließen, Zubehör kauften und wie mühsam die Wäschepflege in Zeiten ohne Waschmaschine war.

 Doch zunächst für alle, die nicht ganz so sehr im Thema sind, noch ein paar erläuternde Worte zum Artländer Trachtenfest von 1905. Den Anstoß für die Veranstaltung des „Artländer Trachtenfestes“ gab letztendlich die geringe Berücksichtigung der „Artländer Tracht“ im Westfälischen Trachtenbuch des Münsteraner Universitätsprofessors Franz Jostes. Denn  Jostes hatte die meisten der für das Buch eilends zusammengesuchten historischen Kleidungsstücke aus dem Artland als städtische Kleidung und nicht als bäuerliche Tracht bezeichnet. Als Konsequenz fand die Artländer Tracht im 1904 veröffentlichten Westfälischen Trachtenbuch kaum Berücksichtigung.

 Die Mitglieder des hiesigen Vereins für Geschichte und Alterthumskunde des Hasegaues beschlossen daher, ein Trachtenfest zu veranstalten. Sie wollten beweisen, dass das Artland doch eine Tracht besessen hatte. Die Anregung hierzu erhielten sie von den zahlreichen Trachtenfesten, die damals im Rahmen der Trachtenerhaltungsbewegung im ganzen Land gefeiert wurden. Ein Jahr zuvor fand beispielsweise in Scheeßel das erste niedersächsische Trachtenfest statt. (Bürgertum, Künstler wie Worpsweder Vogeler)

 Auch die 1905 in Oldenburg veranstaltete Landes-Industrie und Gewerbe-Ausstellung war wichtiges Vorbild, was Organisation und Gestaltung des Festes betraf. Mit Hilfe der Vereinsmitglieder und Artländer Hofbesitzer, die aufgefordert worden waren, auf ihren Höfen nach alten Kleidungsstücken zu suchen, wurde sowohl eine Festtags- als auch eine Werktagstracht für Männer und Frauen entwickelt.

Was stellte man sich nun allgemein unter Tracht vor? Üblich ist folgende Definition: Tracht ist eine für eine bestimmte ländliche Region typische Kleidung der ländlich-bäuerlichen Bevölkerung. Sie unterscheidet sich von der Kleidung anderer ländlicher Regionen als auch von der Kleidung aller übrigen Bevölkerungsschichten in Dorf und Stadt. Mit Tracht wird eher Beständigkeit in den Kleidungsgewohnheiten verbunden, mit der modischen Kleidung schneller Wechsel.

Die Tracht der Artländer Heimatforscher setzte sich schließlich aus phantasievoll kombinierten Kleidungsstücken des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts zusammen. So u. a. bei den Frauen aus Caraco-Jacken des 18. Jh. und Hauben aus dem frühen 19. Jh. Die Männer präsentierten sich in verschiedenen Frackformen, Schnallenschuhen, Kniebundhose und Dreispitz. Die Initiatoren versuchten bewusst, die Tracht auf Anraten städtischer „Experten“ möglichst echt wirken zu lassen. Beispielsweise erkundigte man sich bei Osnabrücker Museumsleuten, wie man erreichen konnte, dass die Tracht historisch aussah.

Die Bemühungen hatten Erfolg: Rund 25 000 begeisterte Besucher verzeichnete das Trachtenfest. Die damals vorgeführten Trachten werden bis heute bei Trachtentänze getragen und dienten immer wieder als Symbol für das Artland.

Die Exponate der Ausstellung zeigen, dass alle auf dem Trachtenfest vorgeführten Kleidungsstücke tatsächlich getragen wurden. Nur die damalige ahistorische Kombination verschiedener Modestile stimmte mit der Realität nicht überein. Beispielsweise kombinierte man bei der Frauentracht die für das 18. Jahrhundert typische Caraco-Jacke mit der im frühen 19. Jahrhundert üblichen Spitzenhaube. Auch waren die meisten Kleidungsstücke mit Ausnahme der Haube nicht nur im Artland verbreitet, sondern folgten der damals üblichen Kleidermode.

In der Ausstellung sehen Sie eine Auswahl der sog. „Pussemüssen“, den prächtig bestickten Hauben mit Spitzenstrich, die die Artländer Bäuerinnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts trugen. Hauben waren zur Biedermeierzeit eine beliebte Kopfbedeckung auch der Bürgerinnen. Die Auszier der Artländer Hauben ist aber nur in dieser Region zu finden. Auf den 1815-1820 von Artländer Bauernfamilien angefertigten Scherenschnitten des Silhouetteurs Johann Caspar Dilly sind derartige Hauben ebenfalls zu sehen. Sie werden mit den damals üblichen einteiligen, hochtaillierten Empirekleidern getragen. Die Herren kombinierten damals Frack, Röhrenhose, Stiefel und Zylinder, zum Teil tragen die älteren Männer auf den Scherenschnitten noch die aus dem 18. Jahrhundert stammende Kniebundhose mit Schnallenschuhen. Auf den Scherenschnitten hat man so die Möglichkeit, einen Einblick in die tatsächlich damals getragene Kleidung zu bekommen.

Die neue Ausstellung des Stadtmuseums setzt sich mit der Geschichte der Artländer Tracht auseinander und zeigt wichtige Bilddokumente und Archivalien zur Entstehung des Artländer Trachtenfestes. Doch das ist, wie gesagt, nur der eine Teil der Ausstellung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums geben darüber hinaus mit viel Liebe zum Detail einen Einblick in Kleidermode und Arbeiten rund um Kleidung und Textilien in Quakenbrück und im Artland zu Beginn des 20. Jahrhunderts 

Wie sah nun die Mode um 1900 aus? Im Vergleich zu den farbenfrohen Kleidungsstücken der vorgeführten Artländer Trachten herrschten in der damaligen Mode überwiegend gedeckte Farben und viel Schwarz vor. Das sieht man auch auf den Fotos, die der Fotograf Gustav Bodemann vom Festumzug des Trachtenfestes anfertigte: Die am Rande stehenden Zuschauer trugen zum größten Teil dunkle, einfarbige Kleidung.

In der Herrenmode war der zweireihige Sakko-Anzug typisch. Man trug Hemden mit steifen Umlegekragen, Bowler und Handschuhe. Die Damen zwängten sich weiterhin in Korsetts; die Sans-Ventre-Linie, (d. h. ohne Bauch) schnürte Bauch und Hüften weg. Der auf dem Boden aufliegende Saum, lange schmale Ärmel und ein hoher Stehkragen taten ihr übriges, um die Kleidung nicht gerade bequem zu machen. Zur Ausstattung gehören selbstverständlich die zeittypischen ausladenden Hüte, Schirm und Handschuhe.

 Ein Blick in das Adressbuch der Stadt Quakenbrück aus dem Jahre 1905 zeigt, wie vielfältig das Arbeitsfeld Kleidung und Mode damals war. So finden wir 5 Putz- und Modegeschäfte, 2 Galanteriehandlungen, 3 Hutmacher, 2 Kurzwaren-Handlungen, 2 Stickerinnen, 6 Leinen-, Mode- und Weißwaren-Handlungen, 8 Schneider, allein 25 Näherinnen und 7 Geschäfte, in denen man Nähmaschinen kaufen konnte. Sie sehen also, dass eine ganze Menge Leute ihr Geld damit verdienten, die Artländer einzukleiden. Um 1905 ließ man sich die meisten Kleidungsstücke noch nähen. Oft fertigten die Frauen sie selbst an. Das Tagebuch einer Bäuerin aus Gehrde verzeichnet beispielsweise, dass diese sich alle zwei bis drei Jahre ein neues Kleid nähen ließ. 6-7 Meter Stoff wurden hierfür benötigt. Auch Hosen, Westen und Hemden der Männer wurden selbst genäht. Einziges Kleidungsstück, das fertig gekauft wurde, war oftmals der Mantel, für den man extra nach Osnabrück fuhr. Im Führer für das Artländer Trachtenfest bewarben daher die großen Osnabrücker Modehäuser ihre Waren. Sie wollten so auch die Kunden in ländlichen Regionen ansprechen.

 Erlebbar wird diese Zeit im Tüchterschen Laden in Badbergen, der im zweiten Stock des Museums ausgestellt ist. Seine Exponate führen die Besucher ein in die faszinierende Welt der Galanteriewaren. So nannte man um 1900 die zum Schmuck und Putz gehörenden Accessoires wie Spitzenkragen, Tücher, Fächer und Handschuhe, die Sie in zahlreichen Schaukästen im Museum bewundern können. Wie Sie sehen werden, sind etliche der Exponate noch mit Preisschildern versehen und vermitteln das Gefühl, ein Geschäft aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu betreten.

Lassen Sie sich also verführen von zarten Spitzenhandschuhen, paillettenbesetzten Kragen, Stolen und prächtigen Hutnadeln. Die ausgestellten Kleidungstücke aus den Museumsbeständen zeigen auch, wie man sich um 1900 zu verschiedenen Anlässen wie der sonntäglichen Visite oder aber zur Feldarbeit kleidete. Den hohen Stellenwert, den Handarbeiten wie Sticken, Klöppeln und Häkeln vor 100 Jahren hatten, demonstrieren weitere Exponate des Museums. Es handelt sich um filigrane Kunstwerke, die die meisten von uns heute wohl kaum noch nacharbeiten könnten.

Vergessen werden darf dabei auch nicht, dass die Kleidung immer wieder geflickt wurde und daher allen Frauen eine gewisses handwerkliches Können abverlangt wurde. Auch Umändern und Umfärben waren an der Tagesordnung, um Kleidungsstücke möglichst lange tragen zu können. Dieser sorgsame Umgang mit Kleidung machte auch vor dem Zubehör nicht halt. So wurden Schirme neu überzogen und geflickt, Hüte umgeändert und Handschuhe repariert.

Unter den Ausstellungsstücken fällt die Vielzahl an Spitzen auf, die die damalige Damenmode schmückten. Erläuterungen zur Geschichte der Spitzenfertigung ergänzen daher die gezeigten Exponate. Seit den 1890er Jahren waren Spitzen in der Kleidung zum allgemeinen Gebrauchsgut geworden. Maschinell gefertigte Spitze bot zudem immer mehr Möglichkeiten, auch breitere Spitzenbahnen zu verwenden. Auch das Beiwerk der Mode kam selten ohne Spitze aus: Schirme, Beutel, Handschuhe, Häubchen, Hutschleier und Taschentücher präsentierten sich spitzenbesetzt.

Dieser Trend hielt bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts an. Je mehr die Frauen am öffentlichen Arbeitsleben teilnahmen, desto mehr reduzierte sich die Verwendung von Spitze, bis ihr der Ausbruch des 1. Weltkrieges ein abruptes Ende setzte. Funktionale Kleidung trat ihren Siegeszug an.

Mit der Schneiderwerkstatt Becker, ehemals Kleine Mühlenstraße in Quakenbrück, präsentiert das Museum ein eindrucksvolles Ensemble untergegangener Handwerkskunst. Der tatsächlich im Schneidersitz auf einem großen Tisch seine Näharbeiten verrichtende Schneider Rudi König ist sicher einigen noch in guter Erinnerung. Er war einer der letzten in Quakenbrück tätigen Schneider. Zahlreiche Rechnungen von Schneiderwerkstätten aus dem Bestand des Stadtmuseums beweisen übrigens, dass bei den Schneidern der Region vor dem Trachtenfest Hochkonjunktur herrschte. Denn die wenigsten Kleidungsstücke des Festumzuges waren historisch: Rund 250 Trachtenkostüme mussten neu angefertigt werden. Übrigens stritten nach dem Trachtenfest Teilnehmer und Organisatoren aufs heftigste um die Bezahlung der Schneiderrechnungen. Schließlich musste das Trachtenfest-Komitee eine Sammlung veranstalten, um wenigstens die Hälfte des Ausgaben für die Kostüme decken zu können. Insgeheim hatten die Organisatoren gehofft, dass die Teilnehmer auf eine Auszahlung der Auslagen verzichten und dafür die Trachten behalten würden. Doch so groß war die Trachtenbegeisterung unter den Teilnehmern dann wohl doch nicht.

 Abschließend möchte ich noch auf einige weitere Themen der Ausstellung hinweisen, die das Bild der Kleidungsgeschichte um 1900 abrunden. So  erhalten Sie Einblick in das Spinnen und Weben, in das mühsame Arbeitsfeld der Wäschepflege aber auch in die wissenschaftliche Kleidungs- und Trachtenforschung im Artland. Insgesamt gesehen erweisen sich also Tracht und Mode im Artland als äußert vielschichtig und facettenreich. Erstmals widmet sich nun eine Ausstellung dem Themenkomplex in seiner ganzen Bandbreite.

(Dr. Jutta Böning)

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